Katholische Gemeinde »St. Marien« Delitzsch

Wie alles anfing...

Zu den Bauten, die für das Stadtbild von Delitzsch typisch sind, gehören auch die Kirchen. Drei dieser Gotteshäuser prägen die Silhouette schon seit mehreren Jahrhunderten. Die vierte aber kam erst im vorigen Jahrhundert hinzu. Es ist die Kirche St. Marien der katholischen Gemeinde in der Lindenstraße. Die katholische Gemeinde von Delitzsch wurde 1858 gegründet oder genauer gesagt erneut gegründet. 1539 war durch Erlass des Herzogs Heinrich von Sachsen gemäß der Devise „cuius regio eius religio“ die evangelische Konfession das Glaubensbekenntnis für alle seine Landeskinder, zu denen auch die Bürger unserer Stadt gehörten, vorgeschrieben worden.

Um 1800 gab es in unserer Region nur in Halle eine katholische Ge­meinde. Ihr gehörten die aus dem Eichsfeld, aus Westfalen und Böhmen zugezogenen Händler und Handwerksgesellen an. In dieser Zeit war auch im Schloss von Zschepplin ein katholischer Hausgeistlicher angestellt. Die­ses Schloß war durch Einheirat in den Besitz des aus Westfalen stammen­den katholischen Grafen von Mengersen gekommen. An dem Gottesdienst der gräflichen Familie beteiligten sich auch die wenigen Katholiken der Umgebung. Ab 1820 bestand auch in Eilenburg-Berg in dem Wohnsitz eines Verwandten des Zscheppliner Schlossherren eine Hauskapelle.
Den Katholiken waren nach 1815 mit dem Abtreten unseres Gebiets an Preußen mehr Freiheiten gewährt worden. Vordem durfte keiner von ihnen Handwerksmeister werden, falls er nicht seine Konfession wechselte, und Verstorbene wurden auf den evangelischen Friedhöfen abseits in der Selbstmörderecke begraben. Als mit der bürgerlichen Revolution von 1848 die allgemeine Religionsfreiheit durchgesetzt war, erhielt Eilenburg 1852 einen eigenen katholischen Geistlichen und zwei Jahre später eine Kirche. Der Pfarrer von Eilenburg betreute auch die Katholiken im Kreis Bitterfeld und Delitzsch. Für den Gottesdienst wurde hier zuerst die evangeli­sche Hospitalkirche zur Verfügung gestellt und später der Saal der Gast­stätte „Bürgergarten“. Da sich die Gemeinde durch Zuzug vergrößert hat­te, wurde von ihr die Gründung einer „Missionsgemeinde“ in Delitzsch gewünscht. Am 26. April 1858 war es soweit: Der Kaplan Friedrich Schröder wurde als Missionspfarrer ernannt. Sein seelsorgerischer Bezirk umfasste den westlichen Teil des Kreises Delitzsch, Stadt und Kreis Bitterfeld (ohne Düben) und die Städte Landsberg, Brehna und Zörbig. Anfangs stand nur ein Betsaal in einer Wohnung am Markt zur Verfügung. Aber schon im folgenden Jahr wurden in einem in der Töpfergasse gekauften kleinen Haus eine Pfarrwohnung, eine kleine Kapelle und ein Schulraum eingerichtet, in dem anfangs elf Kinder unterrichtet wurden. Dieses Provisorium musste bis 1868 ausreichen. Gleichzeitig mit der Gründung der Missionsgemeinde entstand auch ein Kirchenbauverein. Der seit 1860 amtierende Pfarrer Adolf Baeseler erwarb mit Hilfe von Spenden und mit Unterstützung des bischöflichen Stuhles in Paderborn das Grundstück Elisabeth-/Ecke Lindenstraße. Auf diesem Grundstück wurde 1867/68 das benötigte Gebäude mit Kirche, Schule und Pfarrwohnung gebaut. Am 31. Mai 1868 fand die feierliche Benediktion des neuen Missionshauses statt und 1872 wurde das Kirchlein vom Paderborner Bischof Dr. Konrad Martin konsekriert.

Pfarrer Baeseler leistete jahrelang eine aufopferungsvolle Arbeit. Die Zahl der Gemeindemitglieder erhöhte sich ständig, vor allem durch die beginnende Industrialisierung im Bitterfelder Raum. Sie stieg von 250 im Jahr 1858 auf 1590 im Jahre 1888. Der hiesige Pfarrer musste aber nicht nur die Gottesdienste in den verschiedenen Orten wie Bitterfeld, Zörbig und Gräfenhainichen abhalten, sondern unterrichtete auch bis 1867 an der hiesigen Schule. Zudem war er ab 1861 als Seelsorger in der Strafanstalt im Schloss tätig, in der neben etwa 200 evangelischen auch 22 katholische weibliche Strafgefangene untergebracht waren. 1891 brach Adolf Baeseler unter der Last der Arbeit zusammen. Er erhielt dann zwar durch einen Kaplan Unterstützung, konnte sich aber nicht mehr erholen und starb am 7. Dezember 1892.
Unter seinem Nachfolger Johannes Bitter wurde 1894 in Bitterfeld ein Vikar eingesetzt, bald danach die dortige Kirche gebaut und ab 1908 dort eine eigene Pfarrei eingerichtet. In jenem Jahr übernahm Anton Köhne das Pfarramt in Delitzsch. Er begleitete seine Gemeinde durch die schweren Jahre des l. Weltkrieges, die miesen Zeiten der Inflation und über die ersten Monate der Nazi-Diktatur. Unter Pfarrer Köhne wurden mehrere Vereine gegründet und 1910 der Kirchenchor Cäcilia sowie eine Volksbibliothek der Kirchengemeinde. Die Schule führten ab 1911 zwei Lehrer zweiklassig. Pfarrer Köhne hatte während des Krieges bis zu 1200 polnische Landarbeiter und zeitweise etwa 600 Kriegsgefangene sowie 300 weibliche ausländische Gefangene seelsorgerisch zu betreuen. Seine Gemeinde, die nunmehr den östlichen Teil des Kreises einschließlich des Gebietes um Landsberg umfasste, hatte 22 Gefallene zu betrauern. Dem Zentrum nahestehend - 1919 wurde ein Zentrumsverein gegründet - blieben die Gemeindemitglieder gegenüber dem sich nach dem Krieg ausbreitenden Marxismus ziemlich immun.
Durch einige bis Ende 1933 durchgeführte Volksmissionen konnten sogar einige Rekonzilianten (Zurückgewonnene) und Konvertiten (Übergetretene) in die Gemeinde aufgenommen werden. Auch wurde in dieser Zeit der Erhalt der Konfessionsschule durchgestanden. 1929 unterrichteten der Lehrer Josef Müller und die Lehrerin Elisabeth Brockmann 90 Schüler.
1930 wurde Anton Köhne zum Dechanten für das Dekanat Wittenberg ernannt. Ein Höhepunkt seiner Amtszeit war der Besuch des Paderborner Erzbischofs Dr. Caspar Klein am 19. Juli 1934, der aus diesem Anlass 105 junge hiesige Christen firmte. Pfarrer Köhne konnte seine schon vor dem Krieg begonnenen Bemühungen zum Bau einer neuen Kirche nicht mehr verwirklichen. Er wurde zum Ende des Jahres in eine Gemeinde in Westfalen versetzt. Sein hiesiges Amt übernahm ab 1935 der bisherige Pfarrvikar von Greppin, Wilhelm Schinkert. Nachdem alle Voraussetzungen für den Bau einer neuen Kirche erfüllt waren, konnte am 16. August 1936 der erste Spatenstich dafür erfolgen. Viele freiwillige Helfer unterstützten mit Ausschachtungsarbeiten und Steineabladen die Bauarbeiten. Nach der Grundsteinlegung am 13. September gingen die Arbeiten - teilweise in Tag- und Nachteinsatz - zügig voran.
Am 19. Dezember trafen die von Ehepaar Kratz sen. gestifteten Glocken auf dem Güterbahnhof ein. Von dort wurden sie auf einem mit Girlanden geschmückten Lastkraftwagen feierlich in das Gotteshaus geleitet. Am nächsten Tag erfolgte die Benediktion Kirche mit Weihe der Glocken. Zum Weihnachtsfest 1936 ertönte zum ersten Mal das aus drei Glocken bestehende Geläut zur Mitternachtsmette, und Silvester läuteten die Glocken eine Stunde lang das neue Jahr ein.

Das bisherige Kirchlein wurde zu einem Vereinssaal eingerichtet und die Schule bis zum neuen Schuljahr gänzlich umgebaut. Dem Schulbetrieb war nur noch eine kurze Dauer vergönnt, da dem totalitären Staat eine christliche Bekenntnisschule ein Dorn im Auge war. Bereits im Jahr zuvor war der bisherige Lehrer Müller unvermittelt an eine staatliche Schule versetzt worden. An seine Stelle trat Walter Zierke. Auch die Lehrerin wurde ausgewechselt. Der Kampf gegen die Kirche hatte schon bald nach der faschistischen Machtergreifung begonnen. Die Veranstaltungen der „Frohschar unserer lieben Frauen" (weibliche Schüler) und der „Jungschar“ (männliche Schüler) wurden behindert. Schließlich wurden Mitte 1937 von der Gestapo die Auflösung des katholischen Jungmännervrbandes verfügt und dessen Räume polizeilich durchsucht. Regionale Kirchenblätter wurden verboten, auch war keine Straßensammlung für karitative Zwecke mehr erlaubt.
Das Jahr 1938 kennzeichneten zwei Ereignisse, die für das Gemeindeleben von besonderer Bedeutung waren. Am 19. Juni weihte Weihbischof Baumann unter großer Beteiligung der Nachbargemeinden und der mit ihren Fahnen erschienenen Vereine die neue Kirche. Aber schon am l. Oktober wurden laut staatlicher Verfügung die katholischen Privatschulen aufgehoben. Lehrer Zierke, in den staatlichen Schuldienst versetzt, hielt auch den Religionsunterricht für die Kinder ab. Etwas später löste ihn Franz Zeppenfeld ab. Dem Pfarrer wurde untersagt, die Schule zu betreten. Weitere Einschränkungen erfuhr die katholische Presse. Dennoch gelang es, ein außerkirchliches Vereinsleben und die Jugendarbeit beizubehalten. In Löbnitz konnte sogar ein Gottesdienstraum eingerichtet werden. In diesem Dorf waren 1936 mehrere katholische Bauern aus Westfalen angesiedelt worden. Ende 1939 konnte außerdem noch in Delitzsch eine Schwesternstation eröffnet werden.
Der 2. Weltkrieg brachte für die katholische Gemeinde weitere Änderungen und Einschnitte. Einberufungen schmälerten die Zahl der Kirchgänger. Dagegen wurde für ein knappes Jahr die Gemeinde durch 700 aus dem Saarland wegen Frontnähe Evakuierter vergrößert. Während des Krieges wurden die Fronleichnam-Prozession und der Bußtag auf einen Sonntag verlegt. Die Kirche wurde zu einem erweiterten Selbstschutzbetrieb erklärt, wobei der Pfarrer als Luftschutzleiter und zehn Gemeindemitglieder als Luftschutzhelfer eingesetzt wurden.

Ab 1941 durften Polen nicht mehr am allgemeinen Gottesdienst teinehmen, worüber die Gestapo wachte. Im März 1942 mußten zwei der drei Glocken abgeliefert werden. Der Besuch des Erzbischofs Jaeger im Juli jenes Jahres brachte noch einen Höhepunkt im kirchlichen Leben. Zum Jahresende verließ Pfarrer Schinkert die Gemeinde.
Für seinen Nachfolger Josef Brockmann kamen schwere Zeiten. Seit Anfang 1943 war verboten, Religionsunterricht in Schulräumen zu erteilen, die Gottesdienste und Fronleichnams-Prozessionen wurden polizeilich überwacht. Ende 1944 bekam auch Delitzsch Kriegsnot zu spüren. Immer mehr Evakuierte, meist aus der Region um Aachen, aber auch schon aus den Ostgebieten, trafen hier ein. Ende des Jahres wurden im Pfarrbereich 6000 Personen, die ihre Heimat verlassen mussten, gezählt. Ende Januar nahm die Zahl der Zuwanderer ständig zu, da jetzt die Massenflucht aus den Frontgebieten eingesetzt hatte.

Da die meisten der Flüchtlinge katholisch waren, mussten in St. Marien fünf Sonntagsgottesdienste abgehalten werden, in vielen Dörfern in evangelischen Kirchen. Aus der Delitzscher Gemeinde fielen dem Krieg 30 Männer zum Opfer. Mit der Besetzung der Stadt durch die amerikanischen Truppen am 20. April 1945 war für die Delitzscher der Schrecken des Krieges vorbei. Bereits am darauffolgenden Tag hielt ein amerikanischer Militärpfarrer einen Gottesdienst in der Kirche ab und am nächsten Tag folgte einer für die französischen Kriegsgefangenen. ZU Fronleichnam fand eine Prozession mit 2000 Beteiligten statt. Der Besatzungswechsel Anfang Juli brachte zunächst keine Einschnitte in das kirchliche Leben. 1946 änderte sich das. Die Zahl der Katholiken hatte sich, auch in den Dörfern, durch Flüchtlinge aus dem Osten und dem Sudetenland weiter erheblich vergrößert. Aber eine Kapellen-Baracke in Löbnitz zu bauen, hatte der kommunistische Bürgermeister untersagt. Der russische Kommandant verbot die Fronleichnamsprozession mit der Begründung, dass die Straße nicht zu Propagandaumzügen betreten werden darf. Erst nach Einspruch des erzbischöflichen Kommissariats durfte sie eine Woche später nachgeholt werden.

Dem im alten Kirchengebäude eingerichteten „Adolf-Baeseler-Kinderheim“, das mit 30 elternlosen Kindern belegt war, wurde seitens des Kreisjugendamtes wegen der dortigen religiösen Erziehung anfänglich die Anerkennung verweigert. Das Anfang 1948 ausgesprochene Verbot, Religionsunterricht in Schulräumen abzuhalten, wurde erst nach dem Einspruch bei übergordneten Behörden im Sommer wieder aufgehoben. Schwierigkeiten gab es weiterhin bei der Genehmigung für die Prozession und bei der Durchführung von Jugendveranstaltungen. 1946 bekam die Gemeinde mit Paul Schulte einen neuen Seelsorger, da Pfarrer Brockmann altershalber in seine Heimat nach Westfalen zurückging. In all diesen Jahren war reges kirchliches Leben zu verzeichnen. Da sich die Zahl der Gläubigen durch die vielen Vertriebenen auf etwa 8000 erhöht hatte, wurde die Anstellung von Geistlichen in Löbnitz und Glesien (später nach Zwochau verlegt) erforderlich. 1950 nahmen 378 Jugendliche an einer Firmung durch Weihbischof Weskamm teil. Von diesem Jahr an verstärkte sich die Konfrontation mit den staatlichen Organen. Die von der Patengemeinde aus Westdeutschland für das Weihnachtsfest 1950 gespendeten Gaben wurden beschlagnahmt und der Volkssolidarität übergeben. Erst nach energischem Protest wurde dieser Eingriff nach den Feiertagen revidiert.
Aber trotz weiterer staatlicher Pressionen, wie Entzug von Druckgenehmigungen oder Behinderung der Teilnahme am 75. Katholikentag in Berlin, blieb die Gemeinde gefestigt. Im Dezember 1952 konnte die Orgel, für deren Bau 2 1/2 Jahre lang Gelder gesammelt worden waren, geweiht werden.